Quellen zur Kolonialgeschichte 18

Andreas Eckl u. Rainer Tröndle (Hg.)
„Es wird ein Schwert durch
Deine Seele dringen.“
Briefe von Else und Christian Spellmeyer aus Südwestafrika, 1914–1951

Quellen zur Kolonialgeschichte, Band 18

Broschur, 15 x 21 cm, 2 Bände, zusammen 536 Seiten, 4 Abbildungen
Bochum, 2026
ISBN 978-3-939886-21-1

n.n. EUR

Imagined Families.
Familienbriefe als Fragmente einer Entangled History

Das Werk versammelt Briefe des Missionarsehepaars Else (Elisabeth) und Christian Spellmeyer aus den Jahren 1914 bis 1951 an ihre Eltern und Geschwister und vor allem an ihre in Deutschland lebenden Kinder. Zusammen mit den Briefen aus den Jahren 1899-1913 dokumentieren sie mehr als 50 Jahre (deutsch-)südwestafrikanischer Zeitgeschichte. Allein in dieser Hinsicht sind die Briefe einzigartig. Kein anderes südwestafrikanisches Quellenwerk ist mir bekannt, das auch nur einen ähnlich langen Zeitraum aus der Perspektive ein und derselben Person(en) abdeckt. Die Briefe bieten einen Längsschnitt durch ein halbes Jahrhundert globaler Makro- und sozialer Mikrogeschichte und spannen einen Bogen über den Wechsel von Ideologien, das Ende des deutschen Kolonialismus und über zwei Weltkriege hinweg. Für Historiker und historisch interessierte Leser sind sie eine Fundgrube für eine Fülle alltags-, kultur-, und sozialgeschichtlicher Fragestellungen. Ein paar wenige, einer Quellenedition vorangestellte Zeilen sind sicherlich nicht der Ort für eine detaillierte Aus- und Bewertung der Quelle. Ich möchte aber gerne die Aufmerksamkeit auf zwei sich bei der Lektüre der Briefe aufdrängende Aspekte und damit verbundene Lesarten lenken, nämlich auf Familiengeschichte als Entangled History und in Anlehnung an Andersons Konzept der ‚Imagined Communities‘ auf Familien als ‚Imagined Families‘.

Aus dem Inhalt

Gibeon, den 7. Nov. 1921

Lieber Gerhard!

Du hattest recht, wir hatten schon lange nach einem Brief von Dir aus­geschaut, Du weißt ja, wie sehnsüchtig ich immer auf die Post warte und dann immer eine Enttäuschung, bis er dann endlich kam, der Brief von Dir. Du denkst doch noch daran, daß Du mir in der letzten Zeit sagtest „ich will aber sorgen, daß Ihr tüchtig Briefe von der Post bekommt?“ Nun habe vielen Dank für den lieben Brief, in dem Du uns so viel von Levern erzählst. Wie traurig das Unglück mit der Dreschmaschine und der Brand des Hauses; Hahlers werden dabei viel zurückgedacht haben an die Zeit vor zwei Jahren. Du hast mit Hans, Marianne und Thea fleißig geholfen, das ist gut. Jetzt ist es gewiß schon recht kalt und ungemütlich in Deutschland, da wirst Du Schuhe und Strümpfe, von denen Du früher nichts wissen mochtest, recht schätzen gelernt haben. Wenn Du diese Zeilen erhältst, steht das liebe Weihnachtsfest vor der Tür. Ich denke mir, Ihr Geschwister werdet es gemeinsam bei Großvater und Tante Thilde verleben. Uns wird es recht einsam sein, doch schließt das den wahren Weihnachtssegen nicht aus, wir wollen uns recht herzlich über das liebe Christkindlein freuen und bitten, daß es Wohnung in unseren Herzen machen möchte. Euren Brief an die Leute haben wir ab­gegeben.

Uns geht es Gott Lob wohl. Ilse liegt zwar mit einer starken Erkältung, sie hat etwas Fieber dabei, zu Bett, doch ist die Sache nicht schlimm; Theodor ist allerdings sehr besorgt um sie. Letzterer wird in den Ferien nach Hause fahren; wenn Ilse dann nach Spielgefährten verlangt, muß sie schon mit den Burenkindern spielen. Lanni Fisser macht immer solch freundliches Gesicht, Ilse behauptet aber stets, sie sei stolz und will sich nicht anfreunden. Der Administrator wünscht sehr, dass die Deutschen und Buren freundschaftlich verkehren. Vorgestern, Sonnabendabend, wurde die Deutschen von der Regie­rungsschule zum „Feuerwerk“ eingeladen. Wir dachten an Raketen, benga­lisches Licht usw., indessen war die Sache ganz anders. Um 8 Uhr wurde vor der Feste ein großes Feuer abgebrannt. Etwas später wurden drei Schüsse ab­gegeben. Jetzt versammelten sich alle Kinder mit den Lehrern vor der Post und begaben sich mitten in den „Park“. (Der Maschendraht mit den Pfählen ist fortgenommen.) Es war lautes Lachen und sehr viel Lärm zu hören, wurde aber ziemlich still, als ein Trupp wunderlich vermummter Kindergestalten mit einer Tragbahre mitten in den Kreis trat. Auf der Bahre lag eine große aus Säcken hergestellte Puppe, die eine Puppe auf dem Rücken in der Jellie (sic) trug und eine Puppe im Arm hielt. Die große Puppe wurde jetzt mit Petro­leum begossen und in Brand gesteckt, die Kinder bildeten einen großen Kreis und tanzten singend, lärmend und lachend um das Feuer. Die vermummten Kinder rissen dann mit eisernen Haken die Puppe auseinander und schleu­derten Feuerbrände nach allen Richtungen, so daß auf dem Platze verschie­dene Feuer brannten. Erasmus tauchte immer wieder Säcke in Petroleum und „srrr“ flogen sie brennend in hohem Bogen durch die Luft, wurden von anderen aufgefangen und weitergeschleudert. Es sah aus wie ein Fußballspiel mit Feuer. Zuletzt wurde noch einmal ein großes Feuer angefacht, jedes deutsche Kind wurde von einem Burenkind an die Hand genommen und „golden Brücke bauen“ gespielt. Nach unseren deutschen Begriffen war die ganze Sache nicht ungefährlich, indessen fand alles unter Aufsicht der Lehrer statt, Wasser zum Löschen stand bereit, dazu Mr. Eras­mus. Was kann Gibeon passieren, wenn er polizeiliche Aufsicht übt. Wir vermuten, daß die Sache von höherer Stelle angeordnet war.

Denke nur von Wittboyvley sind fast alle Eingeborenen fortgegangen; ihr Vieh ist einge­gan­gen, wer arbeiten kann sucht Stellung auf den umliegenden Farmen. Wahr­scheinlich werden die Leute ein anderes Reservat bekommen. – Gleich nach Vaters Rückkehr von der letzten Reise war Liesbeths Hochzeit. Ich hatte hier einen großen Kuchen gebacken, hübsch mit Blumen besteckt, Ilse und Theo­dor brachten ihn auf die Werft, wo ein großes Fest stattfand. Vater brachte auch den alten Hendrik wieder mit, der war schon im Oktober nach Persip teils geritten, teils gegangen und wartete dort auf Vaters Kommen. Durch die Influenza mußte Vater seine Reise zwei Monate verschieben während dieser Zeit haben die Persiper ou[1] Hendrik gut gepflegt, er kam als kugelrundes Männlein hier an. Markus fühlte sich veranlaßt Ilse zu fragen „siehst Du auch, was mein Vater für einen dicken Pens bekommen hat? Er war natürlich sehr stolz. – Wir hatten bis vor kurzem die lahme Kuh hier, haben sie aber der schlechten Weide wegen fortgeschickt. Ihr Kälbchen hatte sehr von Sem­penz[2] zu leiden die sich in großen Mengen im Ohr festgesetzt hatten. Jacobus hat viel mit Creolin[3] waschen müssen. Die Tiere ließen dann los und konnten heraus­gezogen werden. Herr Koch in Kabieis ist gestorben, auch Frau Geldenhuis. – Ich höre, lieber Gerhard, daß Du schon Radfahren kannst, bist Du auch recht vorsichtig? Wie geht es Dir in der Schule? Nur immer fleißig gebetet und gearbeitet, dann wird es Dir an rechten Tagen nicht fehlen. Viele Grüße an Onkel Hermann, Tante Dine, Goldsteins und Bielefelds, auch von Vater, Ilse und Theodor. In Liebe Deine Mutter.

[1] ou = alt auf Kapholländisch.

[2] Vermutlich ein Parasit.

[3] Desinfektionsmittel, wirksam auch gegen Insektenlarven und -Eier.