Quellen zur Kolonialgeschichte 19

Andreas Eckl (Hg.) u. Wolfgang Hubach (Tr.)
„Prost Kameraden!“ Tagebücher von Josef Weinberger aus Bad Tölz, Sergeant der Kaiserlichen Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika, 1891-1896

Quellen zur Kolonialgeschichte, Band 19

Broschur, 15 x 21 cm, 145 Seiten, 21 Abbildungen
Bochum, 2026
ISBN 978-3-939886-22-8

24,80 EUR

Prost Kameraden!
Die Beiläufigkeit des Bösen

Historische Ego-Dokumente und Originalquellen der Kolonialzeit spiegeln durchweg die rassistischen, kolonialen und sexistischen Weltanschauungen ihrer Entstehungszeit wider. Alle diese Texte enthalten in unterschiedlicher Ausprägung zeitgenössische stereotypisierende und abwertende Begriffe und Darstellungen sowie Schilderungen von bisweilen extremer kolonialer Gewalt. In besonderer Weise trifft das auf die Tagebuchnotate von Josef Weinberger zu, deren ungekürzte und unzensierte Wiedergabe nur mit Blick auf eine wissenschaftliche Aufarbeitung und kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte gerechtfertigt erscheint. Weinbergers Texte sind laut, deutlich, erschreckend und schockierend. Oft bis an die Grenze des Zumutbaren und darüber hinaus. Völlig unvermittelt kommt hier immer wieder scheinbar Banales neben Akten extremer Gewalt zu stehen.

Aus dem Inhalt

Am 30. Marschtage (ab Daressalam) bezogen wir Lager bei dem deutschfreundl. Sultan Mkunzi. Am 31. Marschtage machten wir im Feindesland Mafiti Lager u. am gleichen Tage wurde der Platz für die Station Kisaki gesäubert. Nun begann ein reges Treiben. Das Lager wurde mit einem Wallgraben umgeben. Die ausgeworfene Erde zur Festungsmauer verwendet. Waschensi’s brachten die zurückgelassenen Zelte, welche bezogen wurden. Eine unerträgliche Hitze entwickelte sich in diesen. Ich ging daran mir ein Strohhaus zu bauen. Kaum hatte ich begonnen, bekam ich vom Lt. V. den Befehl, mich bereit zu machen zu einer Strafexpedition in die Ulunguruberge. Die dortigen Jumben weigerten sich zur Schauri zu kommen. 15 Tage vor Ostern 1892 marschierte ich unter Lt. V. mit 45 Askari u. 15 Trägern von Kisaki ab. 8 Tage stiegen wir in einer herrl. fruchtbaren Gebirgsgegend herum. Hatten wir eine Höhe erklettert, wurden wir von der gegenüberliegenden beschoßen. Die Kerls umschlichen uns wie Hyänen. Tag u. Nacht, in allen Situationen erhielten wir Feuer, aber nie stellten sich die Leute zum Gefecht. Wir hatten furchtbar unter Durst zu leiden, da die Eingeborenen, wie uns noch rechtzeitig mitgeteilt wurde, sämmtl. Brunnen vergiftet hatten. V. litt stark unter Malaria. Am 8. Tage übertrug er mir das Kommando. Ich ließ V. unter Bedeckung einiger Soldaten im Lager u. versuchte Nachts den Feind zu fassen. Es gelang mir einige Male dicht besetzte Gebirgsdörfer zu überrumpeln. Dies half. Vom 10. Tage an war kein Eingeborener mehr zu sehen. V. wurde immer schlechter. Seit dem 8. Marschtage konnte er weder gehen noch reiten. Am 12. Tage lagerten wir im alten Lager, wo V. mich an einen Baum binden lassen wollte. Gegen Abend ließ er mich rufen u. bat mich, ihm ein Huhn zu besorgen. Gegen 12 h nachts servierte ich ihm Nudelsuppe mit Huhn. Sichtlich erfreut hierüber bat er mich, ihm nichts nachzutragen. Mit Appetit verzehrte er ein halbes Huhn. Gegen 2 h fing er an zu fantasieren. Ich wachte die Nacht über bei ihm. Am anderen Morgen befahl er den Marsch nach Kisaki. Da die Mission Tununguo nur 3 Tagesmärsche entfernt lag marschierte ich unter Nichtbeachtung des Befehls nach T. in der Erkenntnis, daß der Schwerkranke dort besser untergebracht sei. Nie werde ich diese 3 Tage vergessen. Tag u. Nacht mußte ich an seiner Seite weilen. Wohl 4-5 mal des Tags brach er Galle. Urin war blutrot. Doch was hatte ich dazumal für einen Begriff von Fieber? Kannte ich nicht einmal den Namen „Schwarzwasserfieber“. Ebensowenig wie unser Dr.! Safie. Es war unerhört, Leute die keine Ahnung von den Tropenkrankheiten hatten, ins Innere zu schicken.
Am Ostermontag 1892 mittags 2 h traf ich mit V. in T. ein. Die Missionare taten ihr möglichstes. Umsonst! abends 5 h nachdem der Prior V. vorher noch getauft hatte (von Varnbühler war protestantisch) u. mit der letzten Oelung versehen, verschied Varnbühler ruhig. Während seiner ganzen Krankheit, der mit mir durchwachten Nächte, nach schmerzvollen Erbrechungen, nie kam ein Wunsch, eine letzte Bitte von den Lippen Varnbühler’s. Er konnte am Rande des Grabes noch nicht begreifen, daß auch ein Unteroffizier ein fühlender Mensch sei.