Quellen zur Kolonialgeschichte 17

Otis Steinbach (Hg.)
„Von diesen Sachen erzählt nichts weiter“. Zwei Kölner Offiziere in Kamerun: Briefe und Tagebücher von Ernst und Arnold Lequis 1900 / 1909

Quellen zur Kolonialgeschichte, Band 17

Broschur, 15 x 21 cm, 195 Seiten, 30 Abbildungen
Bochum, Mai 2026
ISBN 978-3-939886-20-4

24,80 EUR

Einleitung

Ernst Lequis in Kamerun
Über das kurze Leben des Ernst Lequis ist nur wenig bekannt. Geboren wurde er am dritten Oktober 1871 in Osnabrück. Nach dem Abitur begann er 1890 seine militärische Laufbahn als Fahnenjunker im Fußartillerie-Regiment 8. Im Laufe der folgenden zehn Jahre wurde er zunächst zum Fähnrich, dann zum Leutnant und zuletzt zum Oberleutnant befördert. Im Juli 1900 schied der junge Artillerieoffizier aus dem Heer aus, um Anstellung bei der Schutztruppe für Kamerun zu finden. Seinen ersten Monat in der Kolonie verbrachte Ernst Lequis beim Regierungssitz am Kamerunfluss, die Ankunft des neuen Kommandeurs abwartend. Im September wurde er Chef der Jaunde-Station im Kameruner Hinterland, welche er nach wochenlangem Marsch über die Route Kribi-Lolodorf erreichte. Die Leitung dieser „schönsten Militärstation“ sollte ihm jedoch nicht für lange Zeit vergönnt sein. Nach nur zwei Monaten wurde er bei einem Scharmützel mit einem feindlichen Stamm durch Kopfschuss tödlich verwundet. Ernst Lequis starb im Alter von gerade einmal 29 Jahren. Er hinterließ ein verwaistes Kind namens Irma. Die Mutter war der Familie bereits zwei Jahre zuvor durch „ein plötzlich akut gewordenes Magenleiden“ entrissen worden. 

Nicht nur für die Angehörigen daheim, auch für die höheren Beamten in der Kolonie war der gewaltsame Tod des Oberleutnants ein Schock, hatte der Jaunde-Distrikt doch als befriedet gegolten. Gouverneur Puttkamer fand die Erklärung in einem Monatsbericht des gefallenen Offiziers, welcher ihn kurz vor der Todesmeldung erreicht hatte. Demnach habe „sich die Station mit einem Male wie in Feindesland“ befunden. Die Garnison habe den ganzen Oktober über „nichts gethan als kriegerische Patrouillen […] im Lande umher geschickt, Dörfer verbrannt, Eingeborene abgeschossen und Weiber gefangen.“ Grund seien Klagen von Trägern über Misshandlungen sowie das schlechte Gewissen einiger Häuptlinge, die sich aus Angst geweigert hatten, zur Station zu kommen. Oberleutnant Lequis habe es nicht verstanden, „derartige Dinge ohne Kampf im Wege des Palavers zu ordnen“, so Puttkamer. Auch in der Presse gab es kritische Zwischentöne: In der Deutschen Kolonialzeitung vermochte man sich angesichts fortgesetzter Unruhen im einstmals sicheren Jaunde-Distrikt nicht des Eindrucks zu erwehren, dass bei der Stationsleitung Fehler gemacht worden sein mussten. Ernst Lequis’ Brieftagebuch legt ein beredtes Zeugnis über dessen rabiaten Führungsstil ab. Während seiner kurzen Zeit als Stationschef hatte er persönlich an nicht weniger als drei Strafexpeditionen teilgenommen. Hierbei hatten sich mitunter Szenen abgespielt, die stark an die sogenannten Kongogräuel erinnern. So wurden besiegten Feinden zum Beweis ihres Todes Körperteile abgetrennt, eine Gewohnheit seiner schwarzen Soldaten, gegen die einzuschreiten Lequis offenbar keine Nötigung empfunden hatte. Er sei gewiss „kein jähzorniger Barbar“, man gewöhne sich eben nur „fabelhaft rasch an die afrikanischen Sitten“, schreibt er in seinen Briefen. Lequis’ Strafzug nach Bakasse sollte ihm schließlich zum Verhängnis werden. Sein Leichnam war kaum unter der Erde, da rückte von Jaunde wieder eine Expedition zur „Bestrafung der schuldigen Bevölkerung“ unter Leutnant von Klinkowström aus, die jedoch nach Auffassung des Hauptmanns von Schimmelpfennig „ziemlich resultatlos“ verlief. Schimmelpfennig war seinerseits mit 140 Soldaten von der Küste aus aufgebrochen, um Lequis’ Tod zu ahnden, ein wirksames Vorgehen gegen die Weyjambassa war jedoch dadurch erschwert, dass sie nach „dem umfangreichen Niederbrennen einer Anzahl Dörfer“ ihr Stammesgebiet inzwischen verlassen hatten. Nach einer Schätzung des Oberleutnant Scheunemann, der 1901 die Nachfolge in Jaunde angetreten hatte, forderten diese Repressalien insgesamt rund einhundert Menschenleben.

Jenseits dieser kolonialen Gewaltgeschichte bieten Ernst Lequis’ Nachlass-unterlagen aber auch interessante Einblicke in das Alltagsleben auf der Station Jaunde. So erfährt man vieles über die Erweiterungsbauten an der „Fenz“ und anderen Einrichtungen, aber auch die Garten- und Feldarbeit, die Verpflegungsverhältnisse, die Verwaltungstätigkeit und Rechtspraxis werden dem Leser nähergebracht. Auffällig ist auch hier die große Brutalität im Umgang mit straffälligen Afrikanern. Zahlreich sind die Fälle, in denen Ernst Lequis solchen Delinquenten nicht weniger als 25 Hiebe aufzählen ließ. Doch das Verhältnis zu der schwarzen Bevölkerung war keineswegs nur von Gewalt geprägt: Häuptlingsbesuche auf Station mit Geschenken und Gegengeschenken gehörten ebenso zum Alltag wie die Strafexpeditionen, bei denen immer auch eine „unglaubliche Menge Hülfsvolk“ die Truppe begleitete.
Wiederkehrende Themen stellen außerdem die Gesundheitsverhältnisse in der Kolonie, Landschaftsbilder und die Tierwelt dar. Lequis litt zeit seines Aufenthaltes in Kamerun unter Sandflohbefall, einer Ringelflechte und Malariafieber, an letzterem erkrankten außerdem praktisch all seine weißen Begleiter, wie zum Beispiel seine „Stütze“, Leutnant Klinkowström. Der Ernst dieser Erkrankungen wurde von Lequis in seinen Briefen stets heruntergespielt, wohl um die bangende Familie nicht zu beunruhigen. So beteuerte er immer wieder, es gehe ihm bestens, und äußerte wenig Verständnis für den jammerhaften Zustand des ihm unterstellten Leutnants, welcher schwer an dem Fieber zu leiden hatte. Dabei sei Malaria doch lediglich „wie bei uns Schnupfen“. Mit etwas größerer Vorliebe berichtete Lequis von seinen Begegnungen mit der örtlichen Fauna. Jagdglück war ihm persönlich zwar nicht beschieden, doch hielt er sich auf Station verschiedene Wildtiere wie Affen, Elefanten und Papageien, über deren zum Teil possierliches Verhalten er oft und gerne schrieb. Wie sehr Lequis von der Tierwelt fasziniert war, geht auch aus dem Verzeichnis seiner Nachlassgegenstände hervor, unter denen sich ein großer Elfenbeinzahn, zwei Leopardenfelle, ein Antilopengeweih sowie einige Schädel verschiedener kleinerer Tiere befanden. Der Liste ist ferner zu entnehmen, dass Lequis sich für Ethnografika interessierte. Darin verzeichnet sind zum Beispiel Kisten und Pakete mit Speeren, einer Trommel, ein sogenannter Palaverstuhl und zwei Kalebassen. Zumindest ein Teil dieser Gegenstände wurde später von der Familie an ein – nicht genanntes – Museum übergeben.

Arnold Lequis: Orientierungsreise in Kamerun 1909
Arnold, der älteste Sohn der Familie, befand sich gerade im Kriegseinsatz in China, als ihn Ende Dezember 1900 die Nachricht vom Tod seines jüngeren Bruders erreichte. Die beiden hatten sich noch in Deutschland voneinander verabschiedet und eine Weile miteinander korrespondiert. Voller Wut äußerte Arnold nun den Wunsch, man möge ihn gleich nach seinem Aufenthalt in China nach Kamerun versetzen lassen. Dazu kam es jedoch vorerst nicht. Stattdessen nahm Arnold Lequis 1904/5 am Kolonialkrieg gegen die Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika teil. Die Ego-Dokumente, welche er in jener Zeit verfasste, sind bereits in dieser Verlagsreihe erschienen.
Im Februar 1909 trat Arnold Lequis, mittlerweile zum Major befördert, ein letztes Mal in den Kolonialdienst über; dieses Mal sollte ihn die Reise tatsächlich nach Kamerun führen. Der dortige Kommandeur der Schutztruppe, Major Puder, musste während seines Heimaturlaubs in der Kolonie vertreten werden. Darüber hinaus wurde Lequis damit beauftragt, sich ein genaues Bild über die örtlichen Verhältnisse zu machen und anschließend dem Reichskolonialamt über Stärke und Dislozierung der Schutztruppe sowie über das kameradschaftliche Zusammenleben der Offiziere zu berichten.

Während dieser Reise führte Arnold Lequis ein Brieftagebuch. Den ersten Eintrag verfasste er noch an Bord des Dampfers „Lucie Woermann“, welcher ihn nach Duala brachte. Von dort begab sich Lequis zum Hauptquartier nach Soppo, um daselbst seine Orientierungsreise quer durch Kamerun zu organisieren und zu beginnen. Die Marschroute führte ihn zunächst in die nordwestliche Hochebene der Kolonie. Mit Banjo erreichte er den nördlichsten Punkt seiner Reise, um anschließend über Jaunde in den tropischen Süden, bis Ebolowa, und anschließend wieder zur Küste nach Kribi zu marschieren, von wo ihn ein Dampfer wieder in den Norden, nach Viktoria, brachte. Nach etwas mehr als drei Monaten hatte Lequis auf Expedition rund 1.500 Kilometer zurückgelegt und dabei sechs der insgesamt zehn im Land zerstreuten Schutztruppenkompanien inspizieren können. Tagebuch hatte er in dieser Zeit eher unregelmäßig geführt; die Einträge geben oft nur einen summarischen Überblick über die wichtigsten Erlebnisse der vergangenen ein bis zwei Wochen. Lequis’ persönlicher Adjutant, Leutnant Jakob, hatte hingegen beinahe täglich Eintragungen im Expeditionstagebuch vorgenommen, von dem ebenfalls eine Kopie im Nachlass erhalten geblieben ist. Diese Tagebuchnotizen sind entsprechend knapp und nüchtern gehalten und schildern oft nur die Marschroute. Es beginnt mit dem Abmarsch von Soppo am 19. März und endet mit der Wiederkunft daselbst am 2. Juli 1909.
Noch während er in Soppo auf den Rückreisetag wartete, begann Lequis, die Berichte und Vorschläge für das Reichskolonialamt abzufassen. Notizen und Entwürfe dieser Berichte lassen sich ebenfalls in den Nachlassdokumenten finden. Sie werden dieser Veröffentlichung als Anhang beigefügt, da sie Lequis’ Schriften noch einmal erhellen und abrunden.

Besonders hervorstechend ist der allgegenwärtige Antagonismus gegenüber der Zivilverwaltung, die Lequis als zu bürokratisch und praxisfern ansah. Dieser Widerstreit gipfelte in einem Eklat: Nachdem er auf seiner Inspektionsreise zum Oberstleutnant befördert worden war, trat Arnold Lequis eigenmächtig von seinem Kommando zurück und beanspruchte den Posten des stellvertretenden Gouverneurs für sich, da dieser nun von einem rangniedrigeren Beamten, dem Geheimen Regierungsrat Hansen, ausgefüllt wurde. Das Reichskolonialamt erklärte diesen Schritt für „unzulässig“ und befahl, dass Lequis bis zu seiner Ablösung durch Major von Krogh einzig und allein den Kommandeur der Schutztruppe zu vertreten habe. Lequis, der sich in seinen Gerechtsamen und in seinem Standesbewusstsein verletzt fühlte, reichte dieserhalb Beschwerde gegen den Staatssekretär des Reichskolonialamtes, Bernhard Dernburg, ein. Er zog sie wieder zurück, nachdem ihm Dernburg sein Wohlwollen versichert, gleichzeitig jedoch auf seiner gegenteiligen Sicht der Rangverhältnisse beharrt hatte. Die Klärung dieser prinzipiellen Frage hatte für Arnold Lequis da bereits an Bedeutung verloren, weil er ohnehin plante, dem Kolonialdienst für immer den Rücken zu kehren; das Kommando in Kamerun hatte ihm die Überzeugung gebracht, „daß die Unterstellung unter rangjüngere und an Lebensalter 10 und mehr Jahre jüngere Zivilpersonen“ ihm zuwider sei. Die Affäre scheint seiner weiteren Karrierelaufbahn beim heimischen Militär indes nicht geschadet zu haben.
Obwohl er beinahe tagtäglich Kontakt zu der einheimischen Bevölkerung hatte, werden diese Begegnungen in Arnold Lequis’ Brieftagebuch meist nur in groben Zügen reflektiert; sein Hauptaugenmerk galt klar der Verwaltungstätigkeit und der Exerzierdisziplin der Schutztruppe. Eine Ausnahme bildete anscheinend das Hofzeremoniell am Königspalast in Bamum, welches selbst im Expeditionstagebuch sehr detailliert von Adjutant Jakob geschildert wird. Solche Ehrerbietungen scheinen einen tiefen Eindruck bei Lequis und seinen Begleitern hinterlassen zu haben. Das Jagdfieber hatte ihn noch stärker gepackt als seinen Bruder Ernst. Sehr zu seinem Leidwesen bekam Arnold in Kamerun aber hauptsächlich Antilopen und Büffel und nur ein einziges Mal einen Elefanten vor die Flinte. Gesundheitlich verlangte ihm die strapaziöse Expedition einiges ab: Genau wie sein Bruder begann Arnold Lequis an Malariafieber zu leiden, außerdem machten ihm gelegentliche Darmbeschwerden zu schaffen. Nach seiner Wiederkehr in Hamburg im August 1909 musste er sich zunächst wegen einer Knöchelgelenksentzündung krankmelden. Trotz all dieser Unannehmlichkeiten und Entbehrungen verspürte er ein „Gefühl der Genugtuung“, seinem gefallenen Bruder „einen letzten Gruß der Familie auf’s Grab“ gelegt zu haben.

Aus dem Inhalt

Der gestern gefangene Mann, der uns den Weg nach dem Bacassegebiet zeigen sollte, wußte auch nicht recht Bescheid und führte uns zu sehr nach Norden. Fast in allen Dörfern machten sie uns zu Ehren Salutschießen mit ihren Gewehren, bevor sie wegrannten. Einige wurden noch erwischt von Soldatenkugeln, und einer brach sich bei der Flucht den Fuß. Das war ganz angenehm, da konnten wir uns über den Weg orientieren; denn wir marschierten so ziemlich ins Blaue hinein. Ein Weißer ist hier noch nicht gewesen, wie mir der Mann sagte. Gegen 10° kamen wir in dieses Dorf; man feuerte wieder u 1 Soldat vor mir wurde durch einen Schuß ins Bein verwundet (ohne Bedeutung). Hier machte ich nun halt, um den frechen Kerlen heute mal am Zeuge zu flicken. Ich sandte 3 Patrouillen aus, in der Richtung nach Bakasse keine, um die nicht frühzeitig zu allarmieren [sic!]. Kaum fingen wir an, das Schußfeld ringsum freizulegen und uns einzurichten, als die Buschkerls in einem fort aus nächster Nähe auf uns schossen; ich nahm mir 6 Mann u einen weißen Unteroffizier und ging in die Richtung, wo die Kerls schossen, traf gleich auf 2 Dörfer, hinter welchen Kerls im Busch standen u auf uns schossen; einer wurde getötet, das heißt wir fanden ihn verwundet am jenseitigen Abhang. – Ich kehrte um, brannte die beiden Dörfer ab u dachte, die Kerls würden jetzt ruhig sein, aber sie schießen alle Augenblicke aus dem nahen Busch. Eben, als ich gerade in meine Badewanne steigen wollte, flog irgendein geschoßartiges Wesen aus einem Buschgewehr über mein Dach. Man gewöhnt sich kollosal [sic!] an die Knallerei, zumal wenn man weiß wo die Kerle schießen. Zielen gibt’s nicht, den Kolben an der Hüfte drücken sie ab, geht natürlich alles zu hoch.
Inzwischen habe ich gegessen, sogar eine Mehlspeise gehabt trotz des Knallens und 2 Aufnahmen gemacht. Die Patrouillen sind auch zurückgekommen, haben noch 6 Leute getötet, dessen [sic!] Köpfe und sonstige edle Teile sie wieder mitbrachten. Übrigens ein Gefreiter erhielt dabei noch 2 Schußwunden ins Bein ganz leicht. Nach Meldung der Patrouillen wurden über 60 Dörfer abgebrannt.