Quellen zur Kolonialgeschichte 15

Renate E. Ahrens (Hg.)
In ferne Welten. Briefe der Missionarsehefrau Sophie Schröder, geb. Teufel, aus Südwest- und Südafrika in die Heimat, 1863 – 1903

Quellen zur Kolonialgeschichte, Band 15

Broschur, 15 x 21 cm, 277 Seiten,
23 Abbildungen, davon 11 historische Aufnahmen von Johann Georg Schröder
Bochum, März 2026
ISBN 978-3-939886-18-1

31,80 EUR

Aus der Einleitung: Sophie Teufel, verh. Schröder, 1839-1904

Sophie Teufel wurde am 21. Januar 1839 in Zeitlofs, einem kleinen Ort in Bayern, geboren. Ihre Mutter Sophia Wetzel hatte Sophies Vater Andreas Teufel am 11. Januar 1831 in Sugenheim geheiratet, als dieser in Burgsinn Pfarrer war. Sophie wurde als viertes Kind des Ehepaars Teufel in Zeitlofs geboren, später zog die Familie nach Höllrich um, wo die letzten sechs Kinder geboren wurden. Als Dekan und Pfarrer verstarb Andreas Teufel in Höllrich nach schwerem Leiden, als seine Frau bereits tot war, am 9. Oktober 1858. Das Ehepaar Teufel liegt in Höllrich begraben. Aus Sophies Briefen wissen wir, dass sie und ihre Geschwister von dem „lieben Onkel“ und der „lieben Tante“ betreut wurden, denen sie, wie Sophie vielmals betont, zu großem Dank verpflichtet waren.
Als Zwanzigjährige war Sophie wohl in Barmen gewesen und hatte im Haushalt des damaligen Inspektors der Rheinischen Missionsgesellschaft Friedrich Fabri gearbeitet und u.a. seine Kinder betreut. Nach dem ersten uns vorliegenden Brief, der an ihren Bruder Gustav gerichtet ist, befand sie sich im Juni 1863 in Schweinfurt bei ihrer Schwester Emma. Ob sie dort nur zu Besuch ist oder bei ihrer Schwester lebt, geht aus dem Brief nicht hervor. Sophie möchte dem Bruder von ihrem Bräutigam Johann Georg Schröder erzählen, den sie zuvor bereits in Barmen kennengelernt hatte. Johann Schröder war es als Zögling des Missionsseminars untersagt, mit Frauen Kontakt aufzunehmen, und Sophie verlässt Barmen, als sie „vom ersten Augenblick an gegenseitige Neigung“ verspürten. Schröder, so schreibt Sophie, war in Südafrika als Sohn eines Missionars geboren, hatte sich sechs Jahre lang zur Missionarsausbildung in Deutschland aufgehalten, und war nach seiner Ordination nach Südafrika beordert worden. „Vor seiner Abreise“, so erzählt Sophie im Brief, „schrieb er an mich, und freudig durfte ich meine Hand in die Seinige legen.“ Die Mitteilung ihrer Verlobung kam für ihre Geschwister und „für alle hier“ überraschend. Für Sophie bricht eine arbeitsreiche Zeit an, denn sie soll Ende Juli in Barmen sein, um zur Ausreise nach Südafrika bereit zu sein, die für August / Anfang September 1863 geplant ist. Bis dahin hat sie, wie sie schreibt, „noch so Vieles nötig, um eine rechte Missionarsfrau zu werden, denn es ist kein leichter Schritt“, aber sie findet, es ist „auch etwas Großes im Reiche des Herrn arbeiten zu dürfen.“
Ihre Entscheidung, Johann Schröder zu heiraten, empfand ihr Bruder Gustav als übereilt , und sie war auch gegen die Pläne von Inspektor Fabri, der anderes für Sophie vorgesehen hatte. Sie setzt sich aber durch und reist im Oktober 1863 zusammen u.a. mit dem Missionsehepaar Emma und Carl Hugo Hahn aus. Sophie geht davon aus, dass sie ihre Geschwister „in diesem Leben“ wohl nicht wiedersehen wird, und ist sich bewusst, dass das Leben einer Missionarsehefrau nicht leicht sein wird, vertraut aber darauf, dass Gott ihr beistehen wird. In ihrem Brief vom 21. Oktober 1863 berichtet Sophie ausführlich über den Alltag auf dem Schiff: Die Missionare Hahn und Böhm halten Andachten, Hahn unterrichtet die Männer in Otjiherero, alle lernen von ihm Holländisch, und Frau Hahn unterrichtet sie in Englisch. Es wird vorgelesen, aber auch gelernt. Von Anfang an hat Sophie Schwierigkeiten mit Englisch. Frau Hahn , so schreibt sie, sei eine „solch liebe und erfahrene praktische Frau und sozusagen Mutter von uns allen.“ Am 17. Dezember 1863 erreichen sie Kapstadt. Sophie ist beeindruckt vom Reichtum der Stadt, seinen vielen unterschiedlichen Menschen und den hohen Lebenskosten. Sophies Bräutigam hatte es nicht geschafft, seine Braut bei ihrer Ankunft in Kapstadt zu treffen, und plant nun, nach Walfischbay zu kommen. Nach kurzem Aufenthalt in Stellenbosch, einer Stadt, die Sophie sehr gefällt, wo sie Verwandte ihres zukünftigen Mannes trifft, und mit Vorkehrungen für ihre Weiterreise beschäftigt ist, geht es per Schiff nach Walfischbay, wo sie am 13. Januar 1864 eintreffen. Bei Ankunft dort ist ihr Bräutigam noch nicht angekommen, sodass sie beim Händler Charles Andersson und seiner Frau Sarah unterkommt. Von Schröders Ankunft, der Hochzeit und Sophies erster Reise im Ochsenwagen erfahren wir nichts. Erst 1 ½ Jahre später liegt wieder ein Brief von ihr vor, angefangen am 10. September 1865, nun bereits von der Missionsstation Berseba. Ab dieser Zeit erfahren wir von ihrem Leben ungefähr einmal jährlich, immer wieder sehnt sie sich nach Briefen von ihren Verwandten und fühlt sich einsam, wenn ihr Mann ohne sie unterwegs ist. Es geht in ihren Briefen um Bauarbeiten, die Schröder, der auch gelernter Stellmacher und Schreiner ist, als Missionar, der eine Missionsstation aufzubauen hat, ausführen muss. Sie beschreibt ihre eigene Arbeit, berichtet von der Geburt ihrer Kinder, den Schwierigkeiten beim Stillen, ihrer Gesundheit und der Arbeit, die sie leistet. Sie erzählt von Kinderfrauen, Hausangestellten und angestellten Arbeiter, die sie verköstigen muss, und in allen ihren Briefen erwähnt sie den „Krieg“, den die Nama und Herero führen. Auf Details des „Krieges“ geht Sophie nicht ein, aber lebhaft berichtet sie von ihren Kindern, den Freuden, die die Geschenke der Verwandten in der ganzen Familie hervorrufen, von den verschiedenen Jahreszeiten, und über die einheimische Bevölkerung, von der sie kein positives Bild entwirft. Da sie nicht erwähnt, dass sie z.B. eine Nähschule aufbaut, eine Singschule leitet und Medizin an die einheimische Bevölkerung ausgibt, scheint sie außer zu großen Festen wie Weihnachten wenig oder gar nicht in die Missionsarbeit eingebunden zu sein. Kontakt zu den anderen Missionsfamilien hingegen hat Sophie. Sie trifft die Geschwister auf Missionskonferenzen, zu denen sie ihren Mann manchmal begleitet, oder aber wenn jene durchreisen, wobei es üblich ist, auf Missionsstation bei den Geschwistern zu übernachten. Grundsätzlich wird sich gegenseitig unterstützt, wie u.a. bei Geburten. Das Ehepaar Schröder reist mit seinen Kindern zu Schröders Eltern nach Pella, besucht Concordia, beide Orte südlich vom Oranje Fluss in Klein-Namaqualand gelegen, und lernt auf dieser Reise auch einige Rheinische Missionare vor Ort kennen wie Ferdinand Brecher und Michael Dönges.
Auf Grund des Krieges beginnen die Schröders ihre Arbeit auf der Missionsstation Berseba und können erst im April 1866 nach Keetmanshoop, wo sie eine Missionsstation aufbauen sollen. Bis Februar 1871 verbleiben Schröders dort, dann müssen sie nach Windhoek zu „einem so verwilderten Stamme (Afrikaner)“ umsiedeln und kommen auf einer Missionsstation an, die „sehr verwildert öde und leer“ ist, Windhoek hingegen liegt schön, meint Sophie. Missionar Schröder ist als „Nama-Missionar“ zu den Oorlam geschickt worden, ursprüngliche Nama, die von Herero umgeben in Windhoek leben. Als Missionar Carl Hugo Hahn, der die Rheinische Missionsgesellschaft 1873 verlässt, zum Abschiedsbesuch auf die Missionsstation nach Windhoek kommt, würden Schröders ihm gerne ihre ältesten Kinder, die des Schulunterrichts bedürfen, nach Deutschland mitgeben. Hahn, so schreibt Sophie, war „ein so liebevoller Vater und Mutter gewesen“, aber dann bringen sie es nicht übers Herz, sich von ihren Kindern zu trennen.
Im Jahr 1879 unternimmt das Ehepaar Schröder mit seinen Kindern eine Expedition zum Ngami See. Sie legen ca. 1500 km zurück und leben mit fünf Kindern, wobei das jüngste sechs Monate alt war, 5 ½ Monate im Planwagen. Ein Jahr später nach dem Gefecht in Gurumans am 20. August 1880 eskaliert die Lage im Land. Es kommt zur „Blutnacht von Okahandja (23. August 1880)“ , in Windhoek werden die Schanzen „in Ordnung gebracht“ und „Missionar Schröder suchte die Leute zu beruhigen.“ Sophie schreibt, sie sei am 22. August erkrankt: „Unser Nachbarmis.[sionar] Eich kam wie ein Engel in der Not. […]. Sein Besuch galt mehr meiner Krankheit, weil Schröder ihm Pferde sandte und ihn nur in Aufregung herüberbat.“ Der Archivar und Publizist Nikolai Mossolow hingegen berichtete, „Missionar Schröder rief in dieser ungewissen Lage [die Afrikaner hatten sich zur Flucht entschlossen] seinen Amtsbruder von Otjiseva, Missionar F. Eich, zu Hilfe. Dieser traf am 25. August ein und legte seine Eindrücke später nieder.“ Am 26. August fliehen sie von Windhoek. Sophie schreibt: „Br. Eich blieb uns treu zur Seite. Er trieb uns förmlich aus dem Haus […] Kaum einige Stunden hinter Windhoek stürmte das wütende Volk heran. Der Hereromiss.[ionar] Eich sprang immer gleich vom Wagen und erzählte den Leuten, weshalb unsere Gemeinde geflohen sei […].“ Herr Bang ritt nach Windhoek, um nach dem Schaden auf der Missionsstation zu sehen, und berichtete, so Sophie, „[d]ie Verwüstung sollte schrecklich sein […].“ Im Brief aus Stellenbosch im Jahr 1882 fühlt man noch Sophies Entsetzen über ihre Flucht aus Windhoek. Sie schreibt erschütternd über die Zeit des Mordens, dass sie krank wurde, als es galt, sich auf die Flucht vorzubereiten, wie die „Herero-Missionare“ ihnen halfen, und sie schließlich unter dem Schutz des englischen Kommissars Palgrave nach Walfischbay reisen konnten , von dort per Schiff nach Kapstadt gelangten und weiter nach Stellenbosch fuhren.
Schröders bleiben aber nicht in Stellenbosch, sondern werden nach Warmbad versetzt, das gerade nördlich des Oranje Flusses im Groß-Namaqualand gelegen ist. Im Dezember 1882 treffen sie dort ein und kommen, wie Sophie schreibt, „vom Regen in die Traufe“. Sie bezeichnet sich und ihren Mann als alt und berichtet, dass Schröder eigentlich keine „Lust mehr“ habe, eine Missionsstation im Land zu übernehmen; was ihm „am wehsten tut“, ist, dass die RMG die Herero gegen die Nama unterstützt. Ein halbes Jahr später schreibt Sophie aus Komaggas. Diese Missionsstation liegt südlich vom Orange Fluss im Klein-Namaqualand. Sie berichtet, dass sie „neun volle Wochen“ krank darnieder gelegen und „am Rande des Grabes geschwebt“ habe. „Es ist das 5. Mal“, dass sie so viel Blut verloren habe, und „die Kräfte so gebrochen“ sind. Aus diesem Brief geht hervor, dass Schröder seinen Bruder besucht hat und „schon mehrere Wochen verreist“ sei. Sie fühlt sich einsam, aber „mitgehen ging auch nicht“. Ihre Kinder sind in Stellenbosch zur Schulausbildung, und Sophie befürchtet, dass „die Missionarskinder zu luxuriös erzogen werden“. Außerdem ist die Unterrichtssprache Englisch, und es ist ihnen „streng verboten“, untereinander Deutsch zu sprechen.
Das Missionsehepaar Schröder bleibt in Komaggas, bis Sophie am 15. November 1894 aus Somerset West Strand, nahe Kapstadt gelegen, schreibt, „[e]s ging alles so schnell, dass man gar nicht zur Besinnung kam.“ Sie führten eine Auktion durch, um alles zu verkaufen, was nicht unbedingt mitgenommen werden musste. Sophie begründet diesen schnellen Aufbruch nicht, berichtet nur, dass ihr Mann zuerst ein Haus in Somerset West für ein Jahr gemietet hatte, dann aber eine Farm außerhalb von Stellenbosch kaufte, wo Sophie lebt, während Schröder andauernd unterwegs zu sein scheint. Aus Sophies Briefen geht nicht hervor, was die hastige Abreise aus Komaggas veranlasst hatte, und wir erfahren auch nicht, ob Schröder weiterhin für die RMG arbeitet.
Sie berichtet wenig von ihrem Mann, viel von ihren Kindern und dass ihre Tochter Frieda Richard Schneider heiratet, einen Pastor aus East London. Im Juni 1897 soll sie zu ihnen fahren, um ihrer Tochter bei der Geburt ihres ersten Kindes beizustehen. Sie fühlt sich alt, ihr schwinden die Kräfte, schreibt sie, und Reisen macht sie ängstlich. Dass ihr Mann 1898 gestorben war, erfahren wir von Sophie in ihrem Brief vom 5. November 1899, in dem sie ihrer Schwester berichtet, sie bewohne nun schon seit vier Monaten ihr „Witwenhäuschen in Stellenbosch“ und fühle sich einsam. Krieg ist „über Südafrika hereingebrochen“ schreibt sie, ihr Sohn Gustav kämpft auf der Seite der Buren, ihr Sohn Johnny auf der Seite der Engländer, und ihr Schwager Ungrodt ist festgenommen worden, weil er Buren unterstützt hatte. Bei ihm ist ihr Sohn Christian, der seinem Onkel dabei geholfen hat, und nun auch leidet. Flüchtlinge kommen ins Land, schreibt sie, nach East London und Stellenbosch, die Preise steigen, und sie fühlt sich so schwach, dass ihr das Briefeschrieben bereits schwerfällt. Als Sophie im Juli 1900 schwer krank wird, stehen ihr Schwiegersohn Richard Schneider und eine ihrer Enkelinnen zur Seite und wollen sie mitnehmen, aber ihr Körper sei zu elend, schreibt sie an ihre Verwandten.
Trotz dieser Schwäche reist sie 1901 mit Familie Schneider und begleitet von ihrem jüngsten Sohn Ernst per Schiff nach Deutschland und wohnt wohl längere Zeit in Lausick bei der Schwester ihres Schwiegersohnes, scheint aber auch nach Hamburg zu fahren und Berchtesgaden zu besuchen und wird sicherlich nach Höllrich ans Grab ihrer Eltern gefahren sein. Spätestens im November 1901 sind die Familie Schneider und Sophie, nicht aber Ernst, wieder in East London. Pastor Richard Schneider, der gerne in Deutschland eine Pfarrstelle übernommen hätte, musste zurück zu seiner Gemeinde in East London, da diese, um ihn nicht zu verlieren, die Kosten der Überseereise übernommen und ihm eine halbjährige Abwesenheit ermöglicht hatte. Nach Stellenbosch kehrt Sophie wohl nicht zurück, denn ihr nächster Brief im November 1901 kommt aus East London. Sie schreibt, dass ihr Gedächtnis ihr zu schaffen macht, der Krieg noch nicht beendet sei, aber in East London viele „Burenwohnungen“ errichtet wurden, wo Frauen und Kinder wohnen, die wohl bald „entlassen werden“. Sie hat ein Baugrundstück in Cambridge, etwas außerhalb von East London gelegen, gekauft und lebt dort mit ihrer Tochter Emma. Da sie kein Englisch kann, hat sie kaum Kontakt zu ihren Nachbarn. Sie glaubt, ihre „Lebenszeit ist auch bald abgelaufen“. Ihren letzten Brief vom 15.2., wahrscheinlich im Jahr 1903 abgefasst, schreibt sie an ihre „geliebte Schwester“. Sie „rafft“ sich auf, zu schreiben, und beklagt, ihr „Gedächtnis ist so zurückgegangen“, weiß aber nicht, woran das liegen könnte. Sie hat sich in Cambridge nicht wohl gefühlt und lebt nun wieder bei ihren „verheirateten Kindern.“ Sophie Schröder stirbt am 30. April 1904 in ihrem Haus in Cambridge, Distrikt East London, Südafrika.