Quellen zur Kolonialgeschichte 15

Renate E. Ahrens (Hg.)
In ferne Welten. Briefe der Missionarsehefrau Sophie Schröder, geb. Teufel, aus Südwest- und Südafrika in die Heimat, 1863 – 1903

Quellen zur Kolonialgeschichte, Band 15

Broschur, 15 x 21 cm, 277 Seiten,
23 Abbildungen, davon 11 historische Aufnahmen von Johann Georg Schröder
Bochum, März 2026
ISBN 978-3-939886-18-1

32,80 EUR

Kurzer Einblick in Sophie Schröders, geb. Teufel, Leben

Im Oktober 1863 reiste Sophie Teufel vierundzwanzigjährig als Missionarsbraut per Schiff nach Südafrika, um ihren Verlobten Johann Georg Schröder, der als Rheinischer Missionar bereits auf einer Missionsstation im südwestlichen Afrika arbeitete, zu heirateten. Von ihrer Schiff- und Ochsenwagenreise, ihrer Hochzeit und Ankunft auf der Missionsstation Berseba berichtet sie ihrer Familie in Deutschland anschaulich. Nachdem sie und ihr Mann die Missionsstation in Keetmanshoop anfingen aufzubauen, erfahren wir von ihrem Leben ungefähr einmal jährlich, immer wieder sehnt sie sich nach Briefen von ihren Verwandten und schreibt, sie fühle sich einsam, wenn ihr Mann ohne sie unterwegs ist. Es geht in ihren Briefen um Bauarbeiten, die Schröder ausführen muss. Auch beschreibt sie ihre eigene Arbeit, berichtet von der Geburt ihrer Kinder, den Schwierigkeiten beim Stillen, ihrer Gesundheit und der Arbeit, die sie leistet. Sie erzählt von Kinderfrauen, Hausangestellten und angestellten Arbeiter, die sie verköstigen muss, und in allen ihren Briefen erwähnt sie den „Krieg“, den die Nama und Herero führen. Auf De­tails des „Krieges“ geht Sophie nicht ein, aber lebhaft berichtet sie von ihren Kindern, den Freuden, die die Geschenke der Verwandten in der ganzen Familie hervorrufen, von den ver­schiedenen Jahreszeiten, und über die einheimischen Arbeitskräfte. Sie berichtet von ihrem Kontakt zu anderen Missionsfamilien und den Verwandten von ihrem Ehemann, die südlich des Oranje Flusses wohnen.

Bis Februar 1871 verbleiben Schröders in Keetmanshoop, dann werden sie nach Windhoek er­setzt, welches sie 1880 Hals-über-Kopf verlassen müssen. Weiter geht es nach Warmbad und Komaggas. Dort bleiben sie, bis Sophie im November 1894 aus Somerset West Strand, nahe Kapstadt gelegen, wissen lässt, „[e]s ging alles so schnell, dass man gar nicht zur Besinnung kam.“ Sophie begründet diesen schnellen Aufbruch nicht, berichtet wenig von ihrem Mann, viel von ihren Kindern und dass ihre Tochter Frieda Richard Schneider heiratet, einen Pastor aus East London. Dass ihr Mann 1898 gestorben war, erfahren wir im Brief vom November 1899. Im Jahr 1901 reist Sophie mit Familie Schneider und begleitet von ihrem jüngsten Sohn Ernst per Schiff nach Deutschland. Nach ihrer Rückkehr wohnt Sophie vorerst bei ihrer Tochter Frieda, kauft dann aber ein Baugrundstück in Cambridge, etwas außerhalb von East London gelegen. Ihren letzten Brief, wahrscheinlich im Jahr 1903 abgefasst, schreibt sie an ihre „ge­liebte Schwester“. Sie „rafft“ sich auf, zu schreiben, und beklagt, ihr „Gedächtnis ist so zurück­gegangen“, weiß aber nicht, woran das liegen könnte. Sophie Schröder stirbt am 30. April 1904 in ihrem Haus in Cambridge, Distrikt East London, Südafrika.

 

Aus dem Inhalt

Stellenbosch, den …. 1882.

G. t. L. a. [Geliebte teure Liebe alle]!

Die Tage verrinnen wiederum, ohne dass ihr Nachricht aus unserer Feder erhaltet. Durch Gerüchte und Berichte habt ihr inzwischen wohl gelesen von den Ereignissen, die unser Land, Volk, Gemeinde und uns selbst betroffen. Unser Herz blutet bei der Erinnerung des Durch­lebten, was uns jetzt noch als ein Traum vorkommt. Wir müssen nur Gott danken, dass er uns errettete aus aller Not.

Den 26. August schieden wir von unserm lieben Windhoek wohl noch nicht ahnend, dass wirs nicht mehr betreten sollten. Eure Liebe hat uns einige Tage zuvor so reichlich bedacht, wofür wir aber in allem Wirrwarr noch gar nicht Zeit fanden, euch zu danken, ja, selbst bei Empfang durch alle Trauer die Sachen nicht vermochten, mit Ruhe zu betrachten, Die Kriegsun­ruhen er­füllten schon, als wir die Sendung erwarteten, unser Herz und ängstigte uns Tag und Nacht. Mein lieber Mann trug schon lange den Gedan­ken, Gustav kom­men zu lassen bis nach der Bay, dass wir ihn doch wieder mal sehen konnten, und so trafs sich schließlich, dass wir Nachricht zur selben Zeit er­hielten von Hauptlehrerin in Stellenbosch, Sophiechen sei, seit sie das Schar­lachfieber hatte, immer unwohl, auch wächst sie so stark, und das anhal­tende Lernen greife sie an. Der Arzt befürchtet die Schwind­sucht, weil es jetzt bei ihrer Entwicklung die größte hätte, und so rieten alle nach Hause für einige Zeit, wo sie Ruhe, viel Schlaf und kräftige Nahrung haben könnte. Wir stellten es ihnen frei, auch mussten wir zur selben Zeit unsere Güter kommen lassen, und fandens am geratends­ten, selbst alle nach der Walfischbay zu gehen. Frieda musste mit der Gelegenheit mit ihrem Bruder Gustav hinauf ins Insti­tut, das Alter hatte sie längst. Der Entschluss war gereift, und wir reisten An­fang März dahin. Daselbst hatten wir wohl einen angenehmen Aufenthalt, nur ließ das Schiff lange auf sich warten, sodass man das Schlimmste befürchtete. Gott Dank, es kam und mit ihnen beide Kinder. Die Freude war groß und die Geschw. guckten fremd die Neulinge an, einige sagten sogar Tante zu So­phiechen. Die Unterhaltung wurde sehr komisch geführt, denn Sophiechen, die nur Englisch sprach, musste sich erst wieder die Muttersprache anhei­meln. Es gab auch wieder einen traurigen Abschied vom Bruder und der an­deren Schw. Frieda. Dass hatten wir nicht gedacht, dass wir uns so bald in Stellenbosch wiedersehen sollten.

In Windhoek angekommen, trieben die alten Kriegsunruhen ihr Spiel. Wir hatten die Hände voll Arbeit, 1. so lange vom Hause weg und 2. folgten uns die Missionsgeschw., welche alle Windhoek passieren mussten und beher­bergt werden. Sophiechen hatte mit der Mama alle Hände voll zu tun, dann musste der Papa weg zur Konferenz mit den übrigen Missionaren, es gäbe bald Krieg, war man wohl so halb gewöhnt, doch sind wir Frauen mehr ge­neigt, solchen Dingen Gehör zu schenken als die Männer. Den Abend vor­her, ehe Papa wegging, kamen noch die alten Männer und riefen meinen Mann heraus. Des anderen Tags frug ich, was gestern [A]bend der hohe Rat so spät gesucht, wo Schr. [öder] erwiderte, dass alte Kriegslied, die Leute leben ja mit dem Gedanken. Sophiechen sagte noch zu Papa, O Papa, wo sollen wir hinflüchten, wenn Du weg bist, ich krieche in den Keller hinunter. Die armen Kinder waren auch durch allerlei grausige Geschichten, die sie von den Leu­ten hören, so bange vor den Herero, dass sie schon bleich ins Zim­mer flüch­teten, wenn nur einer aufs Haus zukam. Mein lieber Mann ging also und kam glücklich wieder heim. Die Windhoeker arbeiteten unterdessen tüchtig Schanzen, selbst auf den Bergen oben waren welche, und täglich schlief Wa­che darin. O, es wurde uns immer mehr zur Gewissheit, was bald in Erfüllung ging. Windhoek hat eine sehr ungeschickte Lage, was die Leute trotz aller Vorsicht immer mehr gewahr wurden. Ihr Teuren, könnt euch keinen Begriff machen von den Stunden der Angst und Sorgen, weniger um uns als auch um die armen Leute, die keine Nachtruhe mehr genossen. Die schlau durchdachten Pläne des schwarzen Hererohäuptlings durchschauten unsere Leute, wies auch schließlich zutraf. Glück­lich ist sein Plan durchkreuzt, viel unschuldiges Blut ist geflossen. Als nach dem 1. Kriegsstoß mit Nama der Hererohäuptling unsere Leute, die schon einige Wochen vorher zu ihm durch den englischen Magistrat gerufen und bei ihm verweilten, heimlich er­morden ließ, 9 an der Zahl, Männer und Frauen und Kinder, und auf der anderen Seite von Windhoek vier anderen den Schädel spalten ließ, wovon ein Mäd­chen sich versteckte und die Nachricht nach Windhoek brachte, lie­ßen sich unsere Leute nicht mehr halten, sondern zogen vor zu fliehen. Wir hatten keine Freudigkeit, sie zurückzuhalten, weil man jede Nacht den Über­fall erwartete, und das hätte sicher ein schreck­liches Blutbad abgesetzt. Ihr Lieben könnt euch keinen Begriff machen von der Grausamkeit der Schwar­zen. Die meisten sind heidnisch und Götzendiener. Sie trinken Menschen­blut, lecken ihre blutigen Messer ab und kochen Menschen und Bestien­fleisch in einem Topf. Das tun unsere roten Nama nicht, und wir freuen uns, aus Briefen zu vernehmen, dass unsere Leute bis jetzt noch nicht ihre Hände an unschuldige Frauen und Kinder gelegt. Wie schrecklich die Her­ero. Jedes Gesicht, was rot, wurde niedergemacht, selbst die unter ihnen groß geworden und treue Diener waren. Leider war Missionar Diehl nicht auf sei­ner Sta­tion. Nach Menschengedenken könnte er es vielleicht verhütet ha­ben, weil er großen Einfluss auf seinen König hat. Auch war niemand von den getauften Männern auf dem Platz, sondern alle ins Jagdfeld, meist schlechte Ratgeber dem Kamaharero zur Seite […].